Der Brief von mir an mich

Wir sind mitten im Zeitalter von Computer und KI und wir alle können hautnah erleben, dass alles wirklich schneller geht. Ich meine nicht Autos oder Flugzeuge, sondern die Entwicklung. Die Abstände von sensationellen Entwicklungen werden immer kürzer.

Erfindung / TechnologieStartjahrDauer bis 50 Mio. Nutzer
Das Auto188662 Jahre
Das Telefon187650 Jahre
Das Radio189538 Jahre
Das Fernsehen192713 Jahre
Das Internet19907 Jahre
Facebook20043 Jahre
Das iPhone20072 Jahre
ChatGPT / KI2022Wenige Wochen

Da ist es doch naheliegend, dass man in naher Zukunft die Naturgesetze etwas beugen kann, und dass Zeitreisen oder zumindest die Möglichkeit, Informationen in die Vergangenheit zu senden, möglich ist. Darum habe ich mich hingesetzt, um an mein jüngeres „Ich“ eine Nachricht zu schreiben.


„Liebes Ich, wie geht es Dir, mir geht es gut…“

Verdammt, wie spricht man sich selber denn an? Also erstmal denke ich, dass per Du ok ist. Oder sollte man sich lieber Siezen? (Ich bin gespannt, wie ein Übersetzer das ins Englische übersetzen wird)

Spontan finde ich das DU angemessen. Oder zeigt das einen Mangel an Respekt zu sich selber? Kann mein sein eigener Freund sein? Kommt es darauf an, wer gerade spricht? Das ältere Ich sieht doch sein jüngeres als noch nicht ausgereift und lernbedürftig, während das jüngere Ich auf mein jetziges Ich eher ehrfürchtig hinaufschaut. Ich weiß Dinge von mir, die mein jüngeres Ich nicht erahnen kann. – Bleiben wir beim kumpelhaften Du, damit es nicht allzu kompliziert wird.

Aber wie rede ich mich an? „Hallo Dirk, ich bin’s in 40 Jahren.“ klingt sicher nicht sehr glaubwürdig. Nie im Leben würde ich mir glauben, dass ich es bin, der mir in 40 Jahren einen Brief geschrieben hat. Dazu bin ich viel zu skeptisch.

Ein kleiner Knoten in der Grammatik

Wenn man sich selbst einen Brief durch die Zeit schreibt, gerät sogar die deutsche Sprache ins Stolpern. Schau dir diesen Satz einmal genauer an: „…dass ich es bin, der mir in 40 Jahren einen Brief geschrieben hat.“ Das Spannende daran ist das Zeit-Paradoxon in der Grammatik. Eigentlich ist der Schreiber (das heutige Ich) das Subjekt, aber gleichzeitig ist der Empfänger (das frühere Ich) das Dativ-Objekt – im Satz tauchen also zwei Versionen von „mir“ auf, die denselben Menschen meinen, aber 40 Jahre auseinanderliegen.

Besonders knifflig ist das Ende: „…geschrieben hat“. Grammatikalisch ist das ein Perfekt, also eine abgeschlossene Vergangenheit. Aber für mein jüngeres Ich, das den Brief liest, liegt diese Tat noch 40 Jahre in der Zukunft. Ich behandle die Zukunft also so, als wäre sie bereits eine feststehende Tatsache in der Vergangenheit. Es ist eine „vollendete Zukunft“, die den Brief erst so richtig glaubwürdig und gleichzeitig herrlich absurd macht.

Unlösbares Paradox?

Nun, im Fall, dass die Technik mal so weit sein sollte, mache ich mich schon mal daran, einen Brief zu entwerfen. Aber wie soll ich denn die ersten Sätze formulieren? Ich muss doch sicherstellen, dass ich es in der Vergangenheit nicht als Spam ansehe. Wie soll ich denn beweisen, dass ich es bin, der diesen Brief geschrieben haben wird? „Es ist eine Nachricht, die Du in 40 Jahren geschrieben haben wirst.“ Ich denke nicht, dass ich mich damit beeindrucken würde. Aber schieben wir dieses Problem erstmal zur Seite. Vielleicht muss ich es ja nicht gleich glauben, es reicht ja, wenn ich zukünftige Ereignisse vorhersage, dann werde ich mir sicher Schritt für Schritt vertrauen.
„Ich weiß, es ist nicht deine Stärke, aber versuch mal zuzuhören!“ Hmm, wie schreibt man das denn? Man kann ja einen Brief nicht hören, wie soll man denn zuhören? Ok, machen wir es so: „Lies diesen Brief laut vor und höre gut zu“, so müsste es klappen.
„Am 12. Dezember 1980 geht eine Firma namens Apple an die Börse. Spare was Du kannst, und kaufe so viele Aktien von Apple wie es geht.“

Vielleicht sollte ich noch ein paar Ereignisse vor dem Börsengang ansprechen, um Vertrauen aufzubauen? „1979 wird die Firma Sony ein neuartiges Gerät auf dem Markt bringen. Man nennt es Walkman und es ist das Sony TPS-L2. Die Firma 3M wird ein Produkt auf den Markt bringen, das die Welt verändern wird. Post-it, das sind gelbe Klebezettel, die bis heute in fast jedem Büro zu finden sein werden.“

Das müsste genügen, um die volle Aufmerksamkeit zu haben, und selbst wenn ich alles verpasst habe, wird noch genug Zeit sein, um den Knaller noch vor sich zu haben. „Im Mai 2010 wird es etwas Neues geben, das jahrelang mehr oder weniger unentdeckt bleiben wird, aber dann wird die ganze Welt einen Satz sagen lassen: <<Hätte ich das damals bloß gewusst>>. Es heißt Bitcoin und ist eine digitale Währung. Ein BitCoin wird im Mai 2010 US$ 0,0025 kosten. Kaufe mindestens 100.000 Bitcoins, die dich $250,- kosten werden. Erkundige dich vorher über Wallets und das Ganze drumherum und dann kaufe es. Heute ist ein BC etwa $70.000,- wert sein, also Deine 100.000 kannst du heute, oder besser ich kann es dann machen, für $7 Mrd. verkaufen.“

Und hier entsteht das Problem. Also wenn man ein Paradox als Problem bezeichnen will. Wenn ich heute Milliardär wäre, würde ich denn dann heute diesen Brief schreiben? Außerdem, wenn ich einen Brief in die Vergangenheit schicken kann, dann können andere es auch und dann wäre der Bitcoin bereits am Anfang so begehrt, dass das System bröckeln würde.

Außerdem geht es mir momentan sehr gut und generell möchte ich eigentlich nichts ändern. Schicke ich jedoch diesen Brief, dann besteht eine sehr sehr große Chance, dass ich an mindestens einer Gabelung den anderen Weg eingeschlagen hätte und ich dann mit Sicherheit nicht hier, wo ich jetzt bin, wäre.

„Hey Du,

ich weiß, du bist skeptisch. Wahrscheinlich würdest du mir gerade kein Wort glauben, wenn ich dir sage, wer hier schreibt. Aber lass das Grübeln beiseite, es ist okay.

Ich möchte dir keine Tipps geben, keine Warnungen und keine Abkürzungen. Warum? Weil ich heute, mit 57 Jahren, hier sitze und es mir einfach fantastisch geht. Ich bin glücklich, ich bin im Reinen mit mir, und ich lebe genau das Leben, das sich für mich richtig anfühlt.

Du wirst in den nächsten Jahren durch Dick und Dünn gehen. Du wirst Entscheidungen treffen, die sich im Moment vielleicht schwer anfühlen, und Fehler machen, die dich schlaflose Nächte kosten. Aber ich will dir eines verraten: Alles, was du machst, wird am Ende perfekt sein. Genau diese Umwege und diese Zeit, die du dir nimmst, haben mich zu dem Mann gemacht, der ich heute bin.

Verändere nichts. Geh deinen Weg in deinem Tempo.

Man sieht sich.

Dein 57-jähriges Ich“

Zwei Armbanduhren nebeneinander auf einem alten Holztisch: Eine mechanische Vintage-Uhr (Gestern) und eine moderne Smartwatch (Heute), die beide exakt dieselbe Uhrzeit anzeigen.